Ist Google nicht die preiswerteste und beste Lösung, eine Suche auf den eigenen Inhalten zur Verfügung zu stellen? Nicht, wenn man mehr über die eigenen Inhalte und Nutzer weiß als jeder andere.

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Suchen oder nicht suchen?

Suche ist außerordentlich präsent in unserem analogen wie in unserem digitalen Leben. Zumindest, was das analoge Leben betrifft, reden wir nicht gerne darüber. Wenn ich etwas suchen muss, dann habe ich entweder vergessen, wo es ist – also ist mein Gedächtnis schwach – oder ich habe es gar nicht erst an einen durchdachten Platz gelegt – also ist mein Ordnungssinn unterentwickelt.

Erst wenn eine bestimmte Menge an Informationen verwaltet werden muss, ist “Suchen” akzeptabel, z.B. in einer Bibliothek. Natürlich suchen wir hier nicht in einem ungeordneten Haufen Bücher. Meistens stehen sie vorsortiert – erst nach Kategorie, dann alphabetisch nach Autor. Aber was, wenn ich mich nur an den Namen der Hauptfigur erinnere? Oder wenn ich eine rare Unterkategorie suche (“Daguerreotypie” im Fotografie-Segment). Spätestens jetzt kann ich das Problem nicht mehr durch Anordnung lösen. Weder will man beliebig kleine Unterkategorien-Regale haben noch will man Bücher zwei oder dreimal kaufen, damit sie in verschiedenen überlappenden Bereichen stehen können. Bibliotheken hatten hier früher einen Schlagwortkatalog: Einen Schrank voller Karteikarten mit jeweils einem Wort (“Daguerreotypie”) oder einer Phrase (“Kategorischer Imperativ”), die Hinweise auf alle Bücher enthielt, die damit in Verbindung stehen.

Im digitalen Bereich hat man es eigentlich fast immer mit einer so großen Menge an Informationen zu tun, dass Kategorien und ein einzelnes Ordnungsverfahren (alphabetisch) nicht aussreichen, um sinnvoll auf Bereiche zuzugreifen. Selbst ein normaler Online-Shop hat schon so viele Artikel, dass ich ein halbes Dutzen Filter auswählen muss (Größe, Farbe, Typ, Schnitt), um zu etwas zu gelangen, das mir – wenigstens manchmal – gefällt. Auf der anderen Seite sind digital Dinge möglich, die analog sehr schwierig sind: Zum Beispiel mehrere verschiedene Kategorienbäume auf den gleichen Datenbestand anwenden: Ich kann Bücher literaturhistorisch gruppieren (Romantik → Spätromantik, Mittelalter → Frühmittelalter) oder geographisch (Lateinamerika → Brasilien, Asien → Mongolei) oder nach Gattung (Roman → Kriminalroman → Heimatkriminalroman → Heimatkriminalroman in schwäbischem Dialekt). Das ließe sich beliebig verfeinern und erweitern: Im analogen Bereich unmöglich lösbar, im digitalen Bereiche mittlerweile relativ selbstverständlich.

Und wie großartig wäre es doch, wenn man einen Schlagwortkatalog hätte, der einfach alle Wörter aus allen Büchern erfasst? Voilà, schon sind wir bei der Volltextsuche. Diese macht nichts anderes als eine abfragbare Liste aller Wörter zu erstellen, die jeweils Zeiger auf die “Bücher” haben, die sie enthalten.

Suche ist überall, Suche ist immer nötig, aber Suche ist natürlich nie Selbstzweck. Im Gegenteil, idealerweise sollte man gar nicht wirklich bemerken, dass man sucht. Je weniger Mühe die Suche macht, desto erfolgreicher normalerweise das Angebot, je weniger ein Nutzer in die Suche eingeben muss, um zum Ziel zu kommen, umso besser. Das war schon immer so und kulminiert in einem Ansatz, den wir früher “Zero Term Search” genannt haben, d.h. einer Suche, die nur durch das ausgelöst wird, was wir über den Nutzer wissen und nicht durch das, was er eintippt.

In den frühen 2000er Jahren war das Thema “Suchmaschine” so dominant, dass viele unserer Kunden damals eigene und ausgefeilte Ideen hatten, welche Probleme sie mit dieser Maschine lösen können. Oder aber man hat sich eine teure Suchplattform geleistet, weil alle anderen auch eine hatten. Viele dieser Suchlösungen waren ungemein spannend und gut gedacht, aber zu früh für ihre Zeit, andere waren einfach schrecklich, weil völlig unüberlegt und am Nutzer vorbei. Und manche waren durchdacht und trafen den Kern des Nutzerproblems. Das waren die Fälle, in denen gekonnter Einsatz einer off-the-shelf-Software zu echten Geschäftserfolgen geführt hat.

Mittlerweile ist Suche eine Commodity, die in andere Applikationen eingebaut ist, ein Feature, das man erwartet. Das hat den Vorteil, dass man meistens seinen Kram findet. Der Nachteil ist, dass über Suche als “Ermöglicher” von komplexen Anwendungen nicht mehr viel nachgedacht wird. Oft wird eine unoptimierte Volltextsuche auf eine Webseite gestülpt und das ist dann das “Serviceangebot”. Oder die Suche im Standard-Shop muss den Kunden halt ausreichen, um die richtigen Produkte zu finden. Wenn die Produkte dann z.B. “???” (Die drei Fragezeichen) heißen oder völlig unklar ist, wie man Bulgakov / Bulgakoff / Bulgakow im Deutschen transliteriert, dann ist das halt Pech und man muss halt was von Müller oder Meier mit einem normalen Titel lesen.

Aus unserer Sicht sind Suchfunktionen essentiell für den Erfolg einer riesigen Bandbreite von Software. Sie darf – auch heute – kein stiefmütterlich behandelter Nebenaspekt sein. Sie darf nicht einfach standardisiert sein, weil die Anwendungsfälle der Nutzer auch nicht so allgemein standardisiert sind. Ich habe hier ein Buch liegen namens “Search Patterns”. Dieses Buch ist von 2010 und skizziert unter anderem das “Dreigestirn” Autovervollständigung, Suche, Filtern – ein seit langem etablierter Weg, mit dem ein Nutzer schnell zu seinem Wunschergebnis kommt. Dieses Buch ist nun 11 Jahre alt und immer noch haben viele Angebote im Web einfach nur das Antipattern “Suchbox → schlechtes Ergebnis” ausgerollt. Dann muss es nicht weiter verwundern, dass Leute zu Google gehen, um Informationen auf meiner Webseite zu finden.

Ja, genau, warum lassen wir eigentlich nicht alle zu Google gehen? Ist das nicht die preiswerteste (weil kostenlose) Lösung, um etwas zu finden? Das stimmt oft, z.B. für reine Informationsportale, aber damit gibt der Informationseigner die Sucherfahrung vollständig aus der Hand. Warum verwendet man Stunden darauf, Menüstrukturen zu optimieren, auf die eh niemand klickt und das wesentliche Werkzeug, mit dem Nutzer mit meiner Seite interagieren, händigt man einem Dritten aus?

Man merkt es schon: Wir sind nicht fertig mit dem Thema Suche. Während die notwendige Software immer mehr Commodity wird - entweder als immer beigepackte Zutat oder via Open Source, ist die Konfiguration, Optimierung und Verwendung von Suche zur Beglückung von Nutzern nach wie vor eine echte Herausforderung, die Aufwand verursacht, aber auch hohe Erträge verspricht.

In der Vergangenheit haben wir vor allem an Typen von Anwendungsfällen gearbeitet, die nicht durch Google gelöst werden können. Google ist größtenteils agnostisch gegenüber dem Anwendungsfall. Das ist gleichzeitig seine Stärke und seine Schwäche. Dadurch kann es sich beliebig Inhalte aneignen und verwerten, die andere im Schweiße ihres Angesichts erstellt haben und Milliarden daran verdienen. Aber andererseits kann es kaum auf Spezifika der Inhalte und der Nutzerinteressen eingehen, weil es dann eben nicht mehr “allgemeingültig” wäre.

Wer also sehr spezifische Inhalte hat (z.B. wissenschaftliche Artikel oder Fahrradersatzteile) und wer sehr viel über die Absichten und Bedürfnisse seiner Nutzer weiß, wird nach wie vor von suchbasierten Lösungen profitieren. Wir helfen gern dabei.